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Galerie David | 22 April, 2009 22:19
Gesammelte Werke – die Achtziger
25. April bis 28. Mai 2009
Eine Gurke steht aufrecht und sicher auf ihrem dünnen Ende am linken Bildrand. Verwandelt sich an ihrem oberen Ende in einen Kopf, den Kopf eines Mannes. Sein an den Wangen schmaler werdender Schädel bekommt harte Konturen von einem Bart in der braunen Farbe seine Haare. Schlierenhaft, wie die Algen am Rande einer Wasserkante, geht der Bart in die Salatgurke über, zeichnet ihre erhobenen Grate nach. Auf diese Weise verbunden zu einer Art Kopfgurke schaut das Gebilde unfroh oder doch zumindest emotionslos stoisch aus. Der sachlich ernste Mund und die Abwärtsbewegung von Wasserfall-Bart und die Gesichtszüge eines Waldmenschen, zudem das ausgemergelte Gesicht, komplettieren einen Eindruck von aufgereckter Entsagung. Die Augen schauen geradeaus, ihre Äugäpfel schimmern in van Goghscher Manier vom Gelb des Bodens wieder, nur ein Abglanz von Freundlichkeit liegt darin. Neben den wulstigen Flügeln der Nase strömen allein die dunkeln Bäche des Bartes abwärts, keine Falte erinnert an ein Lächeln.
Am Boden wirft die Gurke, einem allein stehenden Kaktus im Western gleich, ihren Schatten hinter sich, ein kurzer Streifen Okker legt sich auf den gelben Sand, die Sonne steht hoch an diesem Tag. In expressivem Gestus hat Markus Lüpertz dieses Bild 1980 gemalt. Das Gelb ist nur die oberste Schicht eines Übereinanders verschiedener Farben, der Duktus ist kräftig, wie von hoher Intensität und handwerklicher Auseinandersetzung.
Unweit des stehenden Gemüses sind malerische Elemente wie die eines fragmentierten Sakralbaus platziert. Spitzbogig zulaufendes Gestrebe, Gewölbekappen, netz- und rautenförmige Facetten der Baukunst sind zu sehen, und dennoch: die schlauchartige Ausstülpung eines Röhrengewölbe erinnert eher an ein Kondom denn an gotische Baukunst und gleichwohl bleibt das Gegenüber des phallischen Gurkenkopfes empfangende Konstruktion.
Der „Gurkentempel“ von Markus Lüpertz markiert einen der Anfangspunkte in der Malerei der 80er Jahre, der Malerei der Neuen Wilden. Ihre großformatigen Bilder mit betont malerischer Malweise und gezielter Formlosigkeit, mal schwungvollem, mal heftigem Pinselstrich, mit machtvoller Farbigkeit und handfester Farbwucht nehmen Themen zum Anlass, verlassen sie jedoch oft schnell wieder zugunsten der seinerzeit propagierten Subjektivität. Neoexpressionismus, Abstraktion oder sinnliche Gegenständlichkeit verarbeiten, auch neongrell, individuelles Empfinden, Spontaneität und Obsession in vielgestalte Gemälde und Objekte. Sexuelle Inhalte sind oft vertreten, ebenso wie Ängste oder existentieller Protest. Doch die Kunst der 80er Jahre wandte sich damit längst nicht nur Formproblemen zu und gegen die kargen und vermeintlich kopflastigen Stile der Minimal Art oder der Konzeptkunst, sondern, wie auch die gesamte Kulturlandschaft, gegen die wohlstandsbedingte Apathie der Zeit.
Der Wegfall der bewegungslinken, Identität- und Gemeinschaft stiftenden Großsubjekte wie der Studentenbewegung, zu Teilen auch der Arbeiter- und Frauenbewegung bedeuteten eine Hinwendung zur ersten Person Singular. Subjektemphase war angesagt.
Pose und Protest verschmolzen schnell zu einem, Inszenierung und Anschauung fielen in eins, die persönliche Sinnproduktion gelangte in Richtung Revolution und Reform. Weit vorn in diese Bewegung war die Vorstellung von subjektiver Autonomie zu finden, angefochten erst etwas später vom aus Frankreich kommenden Diskurs der Selbstdifferenz, der nicht zuletzt sprachlichen Konstitution des Anderen.
Inmitten all der Diskurse aber um die Eigenständigkeit, Ästhetisierung und Normierung des Selbst steht die überlebensgroße Gurke. Die Leinwand misst 200 mal 160 Zentimeter. Steht für eine Zeit und zugleich für sich. Noch heute. «Wir waren ja wie Eier und Gurke», sagte Markus Lüpertz zum Tod von Jörg Immendorf.
Die Ausstellung „Die 80er – gesammelte Werke“ vereint die Positionen verschiedener Künstler jener Zeit. Sie stellt sie nebeneinander und einander gegenüber. Und das nicht nur in der Malerei, auch Plastiken sind zu sehen. Immendorfs Bronze Europa: Eine Frau, die an zwei Stöcken und mit ihren Füßen auf zwei Kugeln eine schwer gehende Allegorie eines nach wie vor aktuellen, mal schwierigeren, mal einfacheren Konstruktes bildet, ist ebenso dabei wie Lothar Fischers Eisenskulpturen oder der herrlich eckige, grob gezeigte Fuß eines Fürsten von Lüpertz. Schön organisch ist dazwischen der vielleicht einzig haltbare Misthase von Dieter Roth, gemacht aus Hasenmist.
Spontane Malerei findet vom Ende der siebziger Jahre an in dem Kölner Gemeinschaftsatelier an der Kölner Straße >Mülheimer Freiheit< Nr. 110 statt. Die hier arbeitende Mühlheimer Freiheit war eine Künstlervereinigung von unter anderem Hans Peter Adamski, Peter Bömmels und Gerhard Kever, deren - damals mit eine gleichnamigen Ausstellung konzentrierte - >Hunger nach Bildern< auch in der Sammlung dokumentiert ist. Die Werkzeugbilder Bömmels, Adamskis in Acryl gerissene Menschenkörper und Kevers Akte zeigen die Lust am Malen, die Lust am Experiment. Eine extreme Richtung hat Hermann Nitsch mit seinem Orgien-Mysterien-Theater eingeschlagen. Seine happeningartigen Ritualspiele fordern Enthemmung gegenüber einer übermächtigen bürgerlichen Ordnung. In diesem Kontext sind auch die sogenannten Schüttbilder entstanden, in denen Farbe, vermischt mit dem Blut frisch geschlachteter Tiere über den Bildgrund mal spritzt, mal rinnt.
Die Großformate dieser Zeit, manchmal mit geradezu hingerotztem Inhalt werden flankiert von subjektiv gefärbten anderen Ausprägungen des Zeitgeistes. Dunkel ist der Grund von Albert Oehlens >Figuration with mirrors<. In ausdrucksstarker ironischer Gebärde schafft er Malerei über Malerei. Malerische Abstraktion und zeichnerische Figuration verschmelzen im Bildgrund, die Spiegel bringen, ganz Kunst persiflierende Pose und den Bildgrund erweiternde Maßnahme, den Betrachter mit ins Bild. Und wer wollte anderswo sein.
Tina Lüers
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